Michael Biberstein

20.11. – 09.01 2010

Ausblicke in den Himmel

Wer im Haus der Kunst St. Josef in Solothurn arbeitet, ist gesegnet. Hoch über dem Triumphbogen, der den Laienraum der ehemaligen Klosterkirche vom Altarraum trennt, schwebt ein bärtiger Christus als Weltenrichter auf weissen Stuck-Wölkchen. Er mag sich wundern über das emsige Gewusel auf Erden, das sich einige Meter unter ihm abspielt: Da werden Leitern geschleppt, Wände weiss gestrichen und eine riesige Leinwand auf den zugehörigen Keilrahmen aufgespannt; einige Tage vor der Vernissage von Michael Bibersteins Einzelausstellung herrscht Hochbetrieb im Kirchenraum, dessen unscheinbares Äusseres kaum auf ein derart aktives Innenleben schliessen lässt.

Die 1654 eingeweihte Kirche sollte in den späten Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts dem neu gebauten Kloster weichen, wäre sie nicht von einer Stiftung vor dem Abriss bewahrt und zu einer Kunstgalerie umgebaut worden. Soeben ist die Leitung dem Solothurner Kunstschaffenden Reto Emch übertragen worden, dem diese rege Betriebsamkeit äusserst behagt: „Bilder, die an der Wand hängen, sind abgeschlossen,“ sagt Emch, „doch Kunst lebt am meisten im Atelier, insbesondere beim Hängen.“ Es ist das Konzept eines offenen Hauses, das dem frischgebackenen Galeristen für die Zukunft vorschwebt. Wer in St. Josef seine Werke präsentiert, erhält die Galerie für einen Monat als Atelier zur Verfügung gestellt, so sollen Arbeiten unmittelbar für den Ort entstehen, der mit seiner Offenheit und verspielten Rokkoko-Ornamentik am Gewölbe eine besondere Atmosphäre ausstrahlt. „Ich liebe solche Räume“, schwärmt Emch, „wenn ich hier reinkomme, dann fühle ich mich einfach wohl.“ In diesem aussergewöhnlichen Rahmen sollen künftig neben klassischen Ausstellungen der bildenden Kunst auch Performances, Musik- oder Tanzaufführungen stattfinden, sowohl von international tätigen Kunstschaffenden der mittleren Generation als auch von jungen Solothurnern, denn die Anbindung an die Stadt liegt dem Galeristen besonders am Herzen, der über seine eigene künstlerische Tätigkeit ein weit verzweigtes Netzwerk pflegt.

So ist es auch kein Zufall, dass der ursprünglich aus Solothurn stammende und seit über dreissig Jahren in Portugal lebende Michael Biberstein (*1948) die Eröffnungsausstellung bespielt. Ja, es sei etwas Besonders, in einer Kirche auszustellen, meint Biberstein, doch würden sich diese Räumlichkeiten nur bedingt von einem klassischen White Cube eines Museums unterscheiden. Denn beide seien „Meditationsmaschinen“: „Sobald man über die Schwelle eines Museums schreitet, macht man den Kopf bereit für etwas anderes“, sagt der hoch gewachsene Mann mit sonorer Stimme, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet. So empfinde er einen Kirchenraum nicht unbedingt von Religion belastet, denn Kunst und Religiosität haben eines gemeinsam: Die Suche nach Bedeutung.

Michael Biberstein liegt jedes Konfrontieren und Dozieren mittels Kunst fern. Im Vordergrund steht ein visuelles und emotionales Spiel zwischen Werk und Betrachter, das à priori Schauen und Erleben sein will. Mit nur drei neuen Arbeiten ist die Ausstellung sparsam aber äusserst effektvoll bestückt, denn Bibersteins Gemälde strahlen in ihrer Grösse eine körperliche Präsenz aus, die Raum einnimmt und zugleich Raum schafft. Es sind Ausblicke in den Himmel, imaginäre Weiten und Tiefen an der Schwelle zwischen abstrakt und gegenständlich, die einen Sog ausüben, der den Betrachter magisch ins Bild hineinzieht. Assoziationen zu Landschaftsdarstellungen eröffnen sich, doch scheinen die Elemente, Luft, Wasser, Erde noch nicht von einander geschieden. Erst im Augenblick der Betrachtung wird eine Landschaft geformt, bevor sich das Auge wieder in den Dimensionen der Leinwand verliert. Die dünn lasierend, in dutzenden von Schichten aufgetragene Acrylfarbe offenbart keinerlei Pinselspuren, so dass die Bilder permanent aus dem Nichts im Entstehen begriffen scheinen. Nicht von ungefähr nennt Biberstein, der in Amerika studierte, Mark Rothko, Clyfford Still, Barnett Newman, aber auch den Altmeister des all-over, Claude Monet als wichtige Referenzpunkte für sein Schaffen.

Ergänzt werden die beiden Gemälde von einem konzeptuellen Ensemble bestehend aus einem Perserteppich, auf dem ein mit Farbe übergossener Solothurner Fundstein einen massigen Kontrapunkt zu den luftigen Bildwerken setzt. „Assoziationen zu einem fliegenden Teppich sind möglich“, sagt Michael Biberstein schmunzelnd. Und wer weiss, jetzt, wo sich hienieden in den malerischen Blickfeldern der Himmel auf Erden auftut, kriegen Christus und seine himmlischen Heerscharen hoch oben im Stuck möglicherweise Besuch – von allerlei Gedanken, die inspiriert durch die Kunst zum Höhenflug ansetzen.