Carlo Borer
White Heart

19.01. – 24.03. 2013

Schiff, Altarraum, Chor: Ein Dreischritt in die Verheissung. Du betrittst den Raum, wo man einst einem Gott als Schöpfer all dessen huldigte, was ist. Nun hat sich das Sakrale daraus verflüchtigt - ein alter ferner Geruch vielleicht. Du erwartest im Schiff Stille der Einkehr, aber das Hämmern der rotierenden Zylinder im Altarraum, nimmt dein Ohr brutal in Anspruch. Die maschinellen Synkopen des Fortschritts.

Früher hiess es: Leben ist kein Experiment. Leben ist etwas Gegebenes, Geschenktes. Längst aber gibt sich die Maschine nicht mehr damit zufrieden. Sie experimentiert mit dem Organismus. Sie treibt Schläuche in dieses künstliche aufgeblasene Monstrum von Herz, das dich im Chor fast erdrückt. Die Aufgeblasenheit einer Forschung, die den Menschen vervollkommnen will? Für welches Wesen ist das Herz gedacht? Für den Übermenschen?

Das ist heute kein blosser Philosophentraum mehr. Der Übermensch gewinnt an realer Gestalt und Kontur in den neuen biotechnologischen Laboratorien. Keine Bastelei mit Leichenteilen à la Dr. Frankenstein. Sondern Bio-Design in den Computersimulationen der neuen Lebens-Synthetiker. So wie dieses Herz zuerst auf dem Bildschirm entworfen wurde, um erst dann zum künstlichen Leben erweckt zu werden, so designt der Bioingenieur neue Arten, neue Menschen mit übermenschlichen Zügen. Von "Transhumanismus" spricht man jetzt. Man will der Natur nicht bloss auf die Sprünge helfen. Man will sich dank Technologie über den Menschen hinaus entwicklen, das "alte" Menschsein hinter sich lassen. Das Herz ist nur eine Phase in dieser Entwicklung. Schon wird am künstlichen Hirn herumgebastelt. Und mit ihm setzt ein "Human enhancement" ein, ein ehrgeiziges Projekt zur Verbesserung und Steigerung unserer Fähigkeiten – von körperlichen im Sport bis zu intelletuellen in Forschung und Kultur. Ja, selbst moralisch soll der Mensch verbessert werden – vielleicht dank einer Pille für Altruismus?

Es ist religiöse Musik, die man im Hintergrund vernimmt. Süsse Erlösungstöne, wie sie etwa der Pionier der Künstlichen Intelligenz, Marvin Minksy, angeschlagen hat: "In einigen Jahren könnten wir, wenn wir wollten, den Computer allein durch Gedanken kontrollieren - ganz ohne Hände, Stifte, Tastaturen, Mäuse, Datenhandschuhe, Ganzkörperanzüge oder all diese wunderbaren Dinge aus der Welt der Telepräsenz. Alles, was wir sehen, ist vergänglich, sagen uns die Christen. Wir könnten aber, wenn wir unsere Zeit nicht verschwenden, in etwa 20 oder 30 Jahren in eine neue Welt des Geistes wiedergeboren werden, in der man Gedanken direkt in die Maschine diktieren kann - und das wird sein wie der Himmel."

Aber da ist auch eine andere Frage, die sich in diese technologischen Jubieliertöne mischt: Kann das gut gehen? Führt all dieser Aufwand, dieser technisch-wissenschaftliche Bombast wirklich zu den gewünschten Zielen? Diese neuen Herzen und Hirne, diese neuen "transhumanen" Menschen, die 200 Jahre alt werden, keine Krankheiten mehr kennen, einen Intelligenzquotienten von 150 aufweisen und die emotionale und moralische Reife eines Gandhi oder einer Mutter Theresa haben – ist das die Condition humaine der Zukunft?

Im Kern des weissen Herzens pulsiert ein schwarzes Loch: der unheimliche und unwiderstehliche Zug der Verheissung, das Leben nachzuahmen, nein, selber zu bauen. Diese Baustelle befindet sich im Kleinen, die Macht der Entwerfer sitzt in der Nanowelt. Und da steht er denn auch, der göttliche Drucker, der sagt: Siehe, ich bin das Neue Leben. Gib mir deine Daten. Du bist nur eine Kopie.

Das weisse Herz ist ein trauriges Herz, sehnt es sich doch nach einem Körper, nach der Wärme seines natürlichen Ortes. Aber die Natur gibt es nicht mehr. Oder genauer: Sie ist identisch mit der Maschine. Deus sive natura, sagte einst der Philosoph Spinoza, Natur und Gott sind dasselbe. Heute heisst es: Deus sive machina, Maschine und Gott sind dasselbe.
Eduard Kaeser

www.carloborer.ch